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Leseprobe

"Frau Krause und die Männer" - Auszug aus „Ganz anders wollt‘ ich das Leben nehmen“

[…] Nachdem ich 1936 die Hauswirtschaftsschule in Dippoldiswalde abgeschlossen hatte, fand ich Arbeit bei Schusters, unserem Gasthof in Reichstädt – ich kochte, machte sauber und übernahm alle Arbeiten, die so anfielen. Zu dem Gasthof gehörte außerdem noch eine Fleischerei. Jeden Dienstag mussten der Geselle und ich durch das ganze Dorf laufen, um die Fleisch-Bestellungen der Leute aufzunehmen. Da war man so ein richtiger Plebs! Aber ich hatte es gut – ich verdiente Geld und konnte abends nach Hause gehen. Es kamen auch viele Geschäftsleute in den Gasthof, zum Beispiel die Dresdner Familie Rube. Irgendwann sagte Frau Rube: „Das Mädel täten wir gerne nehmen.“ Sie suchten zu jener Zeit eine Hilfe für ihren privaten Haushalt. 1938 hörte ich daher bei Schusters auf und zog nach Dresden zu meinen neuen Arbeitgebern. Familie Rube lebte in einer großen Villa, dort lernte ich die wohlhabende Wirtschaft kennen. Ob Kochen, Wäsche oder Garten, das war der ganz feine Haushalt. Und wenn die Hausdame zu ihren „Kränzeln“ geladen hatte, musste ich den vornehmen Umgang beherrschen.

Herr Rube war Direktor der Falkenbrauerei, Frau Rube gehörte das Grundstück mit der großen Villa. Die beiden hatten zwei Söhne, einer arbeitete schon als Arzt, der zweite studierte noch Medizin. Es gab immer viel zu tun, aber es war eine schöne Zeit, auch, weil ich Familienanschluss hatte. Frau Rube hatte gerade ihren Bruder, der aus Ostpreußen geflohen war, im Haus aufgenommen. Fritz, so hieß er, war viel älter als ich, aber unverheiratet – schon bald machte er mir immer Geschenke und lud mich ein. Ich bekam zum Beispiel ein Armband und eine Ledertasche von ihm. Na ja, ich war ziemlich dumm, aber das reizte mich eben. Rubens wunderten sich irgendwann, woher die vielen Geschenke kamen, die sie bei ihren Kontrollen in meinem Zimmer gesehen hatten. Da sagte Fritz zu mir: „Lass dich bloß nicht von meiner Schwester aushorchen! Sag du einfach: Fragen Sie mich nicht, ich muss Sie sonst belügen.“ Er prägte mir das so fest ein, dass ich das auch machte – denn eine Liaison zwischen mir und Fritz hätten Rubens doch sicher nicht gewollt – ich war ein einfaches Hausmädchen und Fritz? Er brauchte nicht mal zu arbeiten, der lebte vom Geld! Er kaufte sich dann auch eine Villa auf dem Weißen Hirsch. Das war schon herrlich! Wenn ich frei hatte, fuhr ich zu ihm und nicht nach Hause, wie alle dachten. Aber das Verhältnis wurde mir irgendwann zu brenzlig. Manchmal erhielt ich zum Beispiel den Auftrag, Milch von zu Hause mitzubringen. Aber das ging ja nicht, da ich doch bei Fritz in Dresden geblieben war! Nein, irgendwann war mir die Schwindelei zu groß, ich kündigte daher die Arbeit. Rubens sahen das am Ende auch ein und gaben mir trotzdem ein gutes Zeugnis.

Fritz war aber nicht mein erster Freund. Vorher hatte es bereits einen Reichstädter gegeben, Herbert, der eigentlich meine erste Liebe gewesen war. Von dem war ich aber sehr enttäuscht worden. Wir hatten uns kennengelernt, als ich bei Schusters im Gasthof war. Herbert arbeitete in Rabenau in einer Stuhlfabrik, und wenn er früh mit seinem Rad am Gasthof vorbeifuhr, winkten wir uns immer zu. Im Krieg kam er dann nach Wien, wo er als Flieger stationiert war. Irgendwann lernte er dort eine Frau kennen, die dann auch ein Kind von ihm bekam. Das war eine große Enttäuschung für mich! Ich war ja auch schon bei seinen Eltern gewesen und hatte von ihnen zu Weihnachten noch ein Kaffeeservice geschenkt bekommen. Ich war zwar sehr traurig, sagte aber zu ihm: „Jetzt hast du das Kind gemacht, da musst du sie auch heiraten.“ Er wollte sich nämlich von ihr trennen und wieder zu mir zurückkommen. Danach gab es noch etliche Verehrer, aber mit denen wollte ich nichts zu tun haben, die standen mir alle nicht an. Im Dorf sagten sie schon: “Wir sind gespannt, wen du mal nehmen wirst!“ Meine Cousine verkuppelte mich dann auf ihrer Hochzeit mit dem Bruder ihres Mannes, einem Konditor aus Dresden. Aber, ach, wie mich das störte! Jedes Mal, wenn er mich besuchte, hatte er einen Berg von Essen bei sich. Nein, das wollte ich nicht - und machte gleich wieder Schluss. Das konnte wiederum meine Schwester Gerda nicht verstehen und meinte: „Mensch, was willst denn du noch für einen haben? Kannst keinen besseren kriegen.“ Was hatte ich damals aber für eine Angst davor, ein uneheliches Kind zu bekommen! Es gab ja keine Verhütung. Deswegen hatte ich bei all meinen Freundschaften immer einen ganz besonderen Stolz und war wirklich hart. Ich wollte mein Leben noch leben, wollte nicht gebunden sein und gleich mit Kindern anfangen. Ich habe das Leben einfach ganz anders genommen. […]