Menü
 

Frühlingsgefühle einer Witwe

Veröffentlicht von Anja Plechinger am 25 Mar 2019

Ich stehe wartend auf einem gepflasterten Weg, neben mir stehen meine Kinder und mein Freund. Wir blicken nach links. Dorthin, von wo sich uns aus einiger Entfernung eine Person nähert. Es dauert nicht lange bis ich erkenne, dass diese Person mein Mann ist. Wir begrüßen uns und sofort wird mir wieder klar, dass wir zum gemeinsamen Campingurlaub verabredet sind. Mein Mann scheint verwundert, als er meinen Freund entdeckt und fragt mich, ob er wirklich mitkommen muss. Ich bejahe das und unsere kleine Reisegruppe setzt sich in Bewegung.

In der nächsten Szene höre ich mir selbst beim Denken zu. Es scheint ein ziemliches Chaos in meinem Kopf zu herrschen und ich springe von einem Gedanken zum nächsten. Zunächst beschäftige ich mich mit der Frage, wie wir zu fünft in unser altes Drei-Mann-Zelt passen sollen. Ich weiß es nicht und vertraue einfach darauf, dass es schon irgendwie gehen wird. Beim nächsten Gedanken komme ich gefühlsmäßig jedoch ordentlich ins Schleudern.

Ich überlege verzweifelt, mit welchem der beiden Männer ich denn eigentlich zusammen bin. Ich weiß, dass mir beide wichtig sind. Aber wem gehört zu diesem Zeitpunkt meine Loyalität, meine Liebe? Ich finde partout keine Antwort darauf und fühle mich innerlich wie zerrissen. Aus dieser Zerrissenheit wache ich ruhelos auf, realisiere aber recht schnell, dass ich das nur geträumt habe und mein Freund schlafend neben mir im Bett liegt. Was für eine Erleichterung!

Der Erinnerungs-Reset

Geträumt habe ich diesen aufwühlenden Traum erst Anfang dieser Woche. Es ist - um mal ein paar Zahlen zu bemühen - genau 8 Jahre und 233 Tage her, seit mein Mann aufgrund seiner Krebserkrankung verstarb und 3 Jahre und 315 Tage, seit ich mit meinem Freund zusammen bin. Also alles schon etwas länger her, möchte man meinen. Ehrlich gesagt war ich sehr über meinen Traum überrascht und fragte mich sogleich, welche Botschaft mir mein Unterbewusstsein damit senden wollte.

Parallel zu dieser Grübelei setzte bei mir aber auch ein Erinnerungs-Reset ein. Ich reiste gedanklich zurück zum Tod meines Mannes und plötzlich strömten unzählige Erinnerungen, Erlebnisse und Gefühle in mein Herz. Ich spürte bspw. wieder haargenau die tiefe Schwere und Verzweiflung, als ich zu Beginn meiner akuten Trauerzeit für mich erkannte, dass ich nie wieder im Leben mit einem anderen Mann würde zusammen sein können. Schließlich würde kein Mann jemals so sein wie er. Und nichts anderes wollte ich! Niemand würde all seine Eigenschaften in sich vereinen, niemand mich jemals so gut kennen wie er, niemand mich so sehr lieben wie er mich.

Damit war für mich das Thema „Männer“ zu 100 Prozent abgehakt und aus meiner Gefühlswelt gestrichen. Als jung verwitwete, alleinerziehende Mutter eines Säuglings kämpfte ich damals vor allem um mein emotionales Überleben. Das änderte sich mit einem Mal, als ich nach ca. zwei Jahren der Trauer bei einem Seminarwochenende einen Mann kennenlernte, der mich faszinierte und berührte. Unsere gegenseitigen Blicke, die intensiven Gespräche und mein Herzklopfen sprachen eine deutliche Sprache. Meinen Gefühlen folgend bzw. vertrauend, kamen wir uns auch körperlich nah. Ich genoss das zweifelsohne, doch besteht meine Erinnerung an diese Zeit größtenteils aus dem heftigen Gefühlssturm, der in den nächsten Tagen durch mein Inneres fegte.

Darf ich das?

Mir war speiübel, mein Herz raste, ich hätte einerseits die Welt umarmen können, wollte mich gleichzeitig aber verkriechen, allein sein und weinen, ging in Widerstand zu dem Mann und spürte Verrat in mir. Verrat an meinem Mann. Verrat an unserer Liebe. Verrat an unserer immerwährenden Beziehung. Die folgenden Monate waren für mich anstrengend und aufwühlend, denn ich stellte mein neues Leben auf den Prüfstand. Dabei sprachen mein Verstand und meine Gefühle selten die gleiche Sprache.

Natürlich war mir bewusst, dass ich nichts Unrechtes getan hatte und ich mich daher auch nicht schuldig fühlen musste. Natürlich wusste ich, dass mein Mann gewollt hätte, dass ich glücklich bin. Eigentlich. Aber dennoch war da das Gefühl, dass es nicht richtig war. Gleichzeitig erlaubte ich mir jedoch auch eine stille Freude darüber, dass ich all diese Gefühle der Verliebtheit und des Begehrens doch noch in mir fühlen konnte. Dass ich nicht so zerbrochen war, wie befürchtet.

Rückblickend war diese Zeit für mich eine wichtige Phase der Transformation in ein neues unabhängiges Leben. Zum ersten Mal seit dem Tod meines Mannes hinterfragte ich bestimmte, ritualisierte Gewohnheiten, wie bspw. das Tragen meines Eherings oder den AB-Spruch, auf dem nach wie vor mein Mann zu den Anrufern sprach. Ich merkte, dass ich mich in meiner in die Vergangenheit gerichteten „Witwenwelt“ ganz gut eingerichtet hatte und ein Ankommen im Jetzt somit unmöglich war. Das änderte ich in kleinen, für mich bedeutsamen Schritten. Im Laufe dieses längeren Prozesses gelang es mir, für die Beziehung zu meinem Mann einen neuen Platz in meinem Inneren zu finden und mir selbst den bewussten Sprung in die Gegenwart zu erlauben.

Die zweite Liebe

Reichlich fünf Jahre nach dem Tod meines Mannes lernte ich meinen heutigen Partner kennen und wusste sofort, dass ich nun bereit für eine feste Beziehung zu einem neuen Mann sei. Bereit für ein zweites Mal. Bereit für die zweite große Liebe. Bereit für ein zweites Leben. Genau dort bin ich angekommen. Ich bin glücklich in meinem jetzigen Leben, mit meiner Beziehung und unserer kleinen Familie. Ich bin dankbar, dass mein Freund meinen Sohn sofort ins Herz geschlossen hat und sich wie ein Vater um ihn kümmert. Ebenso bin ich dankbar für unsere kleine gemeinsame Tochter.

Doch gibt es hin und wieder immer noch diese Momente des Sich-schuldig-Fühlens, des Sich-eingeklemmt-Fühlens zwischen zwei Welten und der Unsicherheit, wie ich es denn richtig mache. Als bspw. mein Sohn beschloss, meinen Freund irgendwann Papa zu nennen und ich an seinen echten Papa dachte, dem dieses Glück verwehrt geblieben ist. Als ich kürzlich merkte, dass mein Sohn keine emotionale Bindung zu seinem Papa fühlen kann, weil er zu jung für bewusste Erinnerungen an ihn war und ich mich fragte, ob ich etwas hätte anders machen sollen. Oder der Moment der Geburt meiner Tochter, den ich zunächst nicht zulassen konnte - aus der unterbewussten Angst heraus, dass mein altes Leben damit endgültig ausgelöscht wäre.

Ja, diese Gefühle sind schmerzhaft, aber mittlerweile kann ich viel besser damit umgehen. Ich weiß, sie werden immer wieder auftauchen, doch muss ich sie nicht bekämpfen. Ich nehme sie wahr, weiß, sie dürfen sein, und kann sie aber auch wieder in Liebe ziehen lassen. Der Tod eines geliebten Menschen ist und bleibt ein elementar einschneidendes Ereignis und die Zeit wird niemals alle Wunden heilen. Gleichzeitig sind das Leben und die Liebe viel zu wundervoll, als dass ich mich dem auf Dauer verwehren könnte. Ich liebe im Heute und im Gestern, und beides funktioniert prima nebeneinander. Und für den nächsten Traum-Urlaub besorgen wir uns einfach ein größeres Zelt für alle!                                 

Zurück


Kommentare

25 Mar 2019

Margarete Rosen

Liebe Anja,
danke für diesen sehr berührenden und ehrlichen Text.
Ich habe mich früher schon gefragt, wie du die Trauer und das neue Leben in Einklang gebracht hast. Du gibst mir eine gute Ahnung von der Umsetzung.
Ich war auch lange Jahre alleinerziehend und hatte, wie du, das Glück eine neue Liebe zu finden. Auch dieser Mann muß sich bis heute meiner Vergangenheit stellen. Meistens gelingt es uns gut. Doch manchmal ist die Trauer um das Verlorene, nicht Bekommene, doch sehr groß.
Ich freue mich sehr dich zu kennen.
Deine Margarete

25 Mar 2019

Anja Plechinger

Liebe Margarete,
danke für deine lieben Worte. Darüber freue ich mich sehr, und auch, dass wir auf diesem Weg mal wieder etwas voneinander hören!
Ja, das ist so wertvoll, wenn der neue Partner die eigene Vergangenheit (ohne ihn) ebenso mitträgt und sie damit auch ein Stück weit zu seiner Geschichte macht. Denn berührt wird er davon auf jeden Fall und es wird sich ja niemals etwas an der Situation ändern. Aber wie du schon schreibst, manchmal ist die Trauer um das Verlorene wieder sehr präsent.
Ich sende dir ganz herzliche Grüße
Deine Anja

25 Mar 2019

Anja Pacher

Liebe Anja,
ich bin jetzt nach dem Suizid meines Mannes fast drei Jahre alleine, aber ich kann das so gut nach fühlen. Ich möchte auch nicht für den Rest meines Lebens alleine bleiben und doch fühlt es sich so falsch an. Das Loslassen ist ein gewaltiges Thema. Aber dein Bericht macht mir Mut, dass es gelingen kann. Danke dafür
Liebe Grüsse Anja

26 Mar 2019

Anja Plechinger

Liebe Anja,
danke dir. Deine Worte bewegen mich und ich freue mich sehr, dass ich dir mit meinen Worten ein wenig Mut machen konnte!
Liebe Grüße
Anja

26 Mar 2019

Julia Steglich

Liebe Anja, Danke für diesen wunderbar ehrlichen und offenen Blogbeitrag, der absolut Gänsehaut erzeugt. Ich denke, damit hilfst Du vielen, denen es genauso geht und die sich damit vielleicht alleine fühlen. LG Julia

26 Mar 2019

Marion Kleditzsch

Liebe Anja Plechinger,
… dass ich nicht so zerbrochen war, wie befürchtet. Dieser Satz aus Ihrer Geschichte hängt mir nach.
Nein, man ist nicht so zerbrochen. Meistens jedenfalls ist es so. Obwohl man zunächst anderes befürchtet.
Und manchmal, wenn man es zulässt, können sich gerade mit den Bruchstellen des Lebens neue Formen ergeben, die das bisherige zwar nicht ersetzen, aber doch wieder schön machen.
Ich lese und spüre zwischen den Zeilen, dass Sie auf diesem Wege sind. Möglicherweise malen Sie Ihre Bruchstellen golden an und erstrahlen somit in neuer und vor allem einmaliger Schönheit.
So geht wohl Leben.
Alles Liebe für Sie und gutes Gelingen.
Ganz viele Grüße aus Westfalen Marion Kleditzsch

26 Mar 2019

Anja Plechinger

Danke dir, liebe Julia!

26 Mar 2019

Adriana Wolf

Liebe Anja,

beim Lesen Deines Textes kamen mir die Tränen. Ich habe zwar selbst nicht so einen Verlust erlitten, doch kann ich so sehr nachfühlen, dass sich alles, was einen glücklich macht, wie ein Verrat an dem Verstorbenen anfühlen kann - auch viele viele Jahre danach. Es kommt einem so vor, als würde man das, was man zu diesem Menschen empfand und was man mit ihm erlebte, entwertet. Man vergißt irgendwie, dass es eine sehr wertvolle und schöne Zeit voller Bereicherung für beide war. Er wohnt in Deinem Herz und das ist wunderbar. Ein größeres Denkmal kann man nicht haben. Dein Sohnemann wird bestimmt, wenn er älter wird und seine Wurzeln kennenlernen will, Dich noch bestimmt mit vielen Fragen löchern... ;-)

Danke für Dein Teilen Deiner Gedanken. Liebe grüße Adi

26 Mar 2019

Anja Plechinger

Liebe Frau Kleditzsch,
wie wahre und wunderschöne Worte - danke! Besonders gefallen mir die beiden Aussagen mit den Bruchstellen. Meine Bruchstellen golden anmalen ... was für ein genialer Ansatz! Und ja, nur durch sie bin ich zu dem Mensch geworden, der ich jetzt bin. Ich sende Ihnen herzlichste Grüße, Anja Plechinger

26 Mar 2019

Anja Plechinger

Liebe Adi,
danke für dein Teilen deiner Gedanken! Die haben wiederum mich sehr berührt. Das hast du so schön und treffend geschrieben!
Liebe Grüße
Anja

27 Mar 2019

Marion Kleditzsch

Liebe Anja Plechinger. Ich habe mal gesehen, wie eine Kollegin im Rahmen ihrer Trauerarbeit eine zerbrochene Schale wieder sorgsam zusammengeklebt und die Bruchstellen golden bemalte hat. Das Ergebnis - also die neue Schale - war am Ende viel (!!) schöner als die alte! Wer wertschätze, dass diese nun ein wenig zerbrechlicher war als zuvor, konnte die neue Schale wieder nutzen. :-)

27 Mar 2019

Dany

Liebe Anja, was für eine wahre Geschichte und doch gleicht sie in so vielen Dingen meinem Weg. Es macht auch mir Mut, das alles so wie es läuft, gut ist und es immer wieder "schlechte "Tage geben wird. Tief im Herzen bleiben sie bei uns und werden damit nie von uns gehen.
Wichtig dabei ist nach vorne zu schauen und die Liebe wieder zu zu lassen, wenn sie tatsächlich erneut vor einem steht.
Ganz lieb,
Dany

27 Mar 2019

Anja Plechinger

Liebe Dany,
so wahr, im Herzen sind wir für immer verbunden und nie allein. Ich wünsche dir ganz viel Vertrauen beim Nach-vorn-Schauen und Annehmen, von allem, was ist und noch für dich kommen wird!
Liebste Grüße
Anja

05 Apr 2019

Andrea Schürgut

Liebe Anja, wie authentisch und wunderbar hast du die Bilder und Gefühle zusammengebracht. Aus meiner langjährigen Trauerarbeit und meiner eigenen Biografie kenne ich all diese Wellengänge und Prozesse gut. Für mich bleibt immer wieder die Essenz: Ich liebe und werde geliebt. Meine Liebe ist die Basis für alle Geschenke, die das Universum noch für mich bereithält...immer wieder neu.
Lieben wir das Leben und leben wir die Liebe in all seinen Facetten.
herzlich Andrea

08 Apr 2019

Anja Plechinger

Liebe Andrea,
danke für deine starken Worte! Da läuft mir gleich ein Schauer den Rücken hinunter. Was für ein Geschenk, dass wir das mittlerweile so sehen können, oder?
Herzliche Grüße
Anja