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Von meinem Abbruch und dem Mut zum Aufbruch

Oh, was bin ich um diesen Text herumgeschlichen! Wie lange schon wollte ich ihn schreiben. Hatte ihn gedanklich fast schon fertig. Und doch schrieb ich ihn nicht. Irgendwas war immer. Zumindest ließ mich das mein Unterbewusstsein erfolgreich glauben. Doch eigentlich war das nur ein Spiegel meiner inneren Ängste und Zweifel.

Will ich wirklich über meinen Schwangerschaftsabbruch schreiben? Ganz öffentlich, für jeden lesbar? Werde ich dafür verurteilt? Was macht das emotional mit mir? Was denken die anderen über mich – meine Familie, Freund:innen, Kolleg:innen, Kund:innen? Gleichzeitig die staunende Erkenntnis, wie gefangen ich diesbezüglich selbst noch in der Tabuzone festhänge und „mitspiele“. Und wie banal mir meine eigenen Bedenken aus diesem Blickwinkel heraus erscheinen.

Deutlich spüre ich in diesem Moment wieder meine Vision einer Gesellschaft, in der wir alle tiefes Vertrauen in unsere persönlichen Trauerkräfte haben und es uns gelingt, jegliche Verlusterfahrungen trauermutig und bewusst in unser Leben zu integrieren. In der Sterben, Tod und Trauer so selbstverständlich dazugehören wie Geburt, Leben und Freude.

Das Tabu im Tabu

Weil dem bislang allerdings nicht so ist und es sogar noch Tabus innerhalb des Tabuthemas „Tod“ gibt, bin ich – neben vielen anderen wunderbaren, engagierten Menschen – angetreten, um das zu ändern. Unter anderem, indem ich offen und authentisch über meine Erfahrungen als jung Verwitwete spreche. So oft wurde mir von Trauernden schon gesagt, wie hoffnungsvoll und Mut stiftend sie das finden und sie dadurch erkennen, dass auch für sie ein lebensfrohes, erfülltes Leben im neuen Jetzt möglich ist. Und zwar nicht trotz, sondern mit dem erlebten Verlust.

Warum also sollte ich ausgerechnet bei diesem Thema eine Ausnahme machen? Warum sollte ich schweigend alles mit mir selbst ausmachen und mir Schuld und Scham aufladen, wo weder Schuld noch Scham zu sein brauchen? Nein, ich möchte etwas verändern an unserer bisherigen Trauerkultur und dazu gehört aus meiner Sicht auch das Thema Abtreibung. Dass dabei jeder eine klare Meinung hat und diese auch beibehalten darf, steht für mich außer Frage. Doch wie bei jedem brisant-sensiblen Thema ist die offene Kommunikation in meinen Augen der einzige Weg, um zu ehrlichem Austausch untereinander zu finden und um Brücken der Empathie entstehen zu lassen.

Selbstbestimmt und ohne Angst

Und genau dafür schreibe ich diesen Text. Ich will erzählen, wie es dazu kam, was es mit mir beziehungsweise uns als Paar gemacht hat, warum wir letztendlich die Entscheidung des Abbruchs getroffen haben, wie wir seitdem damit leben und was danach noch alles passieren durfte. Unsere ganz individuelle Geschichte eben. Rechtfertigen will ich mich damit nicht, nein. Selbstbestimmt und ohne Ängste darüber sprechen, ja! Ich möchte zeigen, dass auch dieser Aspekt zum Leben vieler Frauen und Männer dazugehört, die jedoch selten bis nie die Möglichkeit haben, diese Verlusterfahrung und ihre Trauer darüber offen zu leben. Und ich will mich frei machen von den Tabus, Wertungen und Begrenzungen, die ich durch mein eigenes Schweigen lange selbst mit aufrecht erhalten habe.  

Wie kam es also dazu? Zur kurzen Erklärung vorab: Mit 32 Jahren verstarb mein Mann nach neunmonatiger Krebserkrankung und machte mich mit 31 Jahren zur jung verwitweten, alleinerziehenden Mama unseres neunmonatigen Sohnes. Meine Welt war ein Scherbenhaufen und eine glückliche Zukunft für mich damals keine Option. Ich liebte meinen Mann immer noch aus tiefstem Herzen und konnte mir eine erfüllte Liebesbeziehung mit einem anderen Partner lange Zeit nicht vorstellen. Doch fünf Jahre später war er da - der Mann, der meine Überzeugungen herausforderte und mir Gefühle bescherte, die ich eigentlich ad acta gelegt hatte. Ich war verliebt.

Eine Entscheidung für unsere Zukunft

Mitten in unserer ersten Phase der Verliebtheit und Beziehung dann plötzlich die Gewissheit, dass ich ungewollt schwanger bin. Ich war geschockt, gelähmt und unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Statt überbordender Freude fühlte ich eine große Überforderung in mir. Wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Fühlte mich nicht bereit für so viel dauerhafte Veränderung, hatte ich doch gerade erst so langsam mein Leben wieder zum Laufen bekommen. Da war unheimlich viel Angst in mir. Angst, ob diese so frische Beziehung neben meinem Sohn und der eh schon „besonderen Umstände“ noch ein Baby würde tragen können. Unsicherheit, ob die Beziehung überhaupt Bestand haben würde. Angst vor einem neuen Verlust.

Genau das sagte ich dem neuen Mann an meiner Seite. Ließ ihm Zeit, seine Gedanken und Gefühle zu ordnen und für sich eine Meinung zu bilden, die uns helfen würde, gemeinsam eine für uns stimmige Entscheidung treffen zu können. Dabei sprachen wir offen, wertungsfrei und zogen alle Optionen in Betracht. Diese Gespräche halfen mir sehr. Ich fühlte mich nicht allein und auch das scheinbar Unmögliche durfte ausgesprochen werden: ein Schwangerschaftsabbruch. Wie oft spielte ich, spielten wir, alle möglichen Szenarios durch. Ja oder nein? Was wäre die richtige Entscheidung?

Ich glaube, eine pauschal richtige Entscheidung gibt es in dieser Situation nicht. Es kann nur eine für mich persönlich richtige Entscheidung geben. Und auch nur eine für den aktuellen Moment und die Lebenssituation, in der ich mich gerade befinde. Und diese Entscheidung hatten wir nach intensivem Abwägen gemeinsam getroffen. So absurd das vielleicht klingen mag, mit der Entscheidung gegen unsere Schwangerschaft entschieden wir uns für uns und unsere Zukunft.

Leben und Tod so nah

Das erforderliche Beratungsgespräch, um einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu können, absolvierte ich daher emotional bewegt, doch in völliger Klarheit. Ich erhielt die Kontaktdaten von möglichen Ärzt:innen und den Hinweis, so schnell es geht einen Termin zu bekommen. Es waren die Tage kurz vor Weihnachten und damit ein Spiel mit der Zeit, um alle gesetzlichen Fristen für einen medikamentösen Abbruch einzuhalten. Tatsächlich fand sich genau noch ein Arzt, der für all die nötigen Behandlungen und die Nachuntersuchung zwischen den Feiertagen Zeit für mich hatte.

Der erste Termin, bei dem ich unter ärztlicher Aufsicht ängstlich und extrem nervös die erste von zwei Tabletten einnehmen musste, war ausgerechnet mein Geburtstag. Bitter! Ich fühlte mich wie in einem ganz schlechten Film, und doch war es meine Wirklichkeit. Der Tag, an dem meine Mutter mir vor vielen Jahren mein Leben geschenkt hatte, würde der Tag sein, an dem ich meinem Baby seines absprach. Sofort musste ich daran denken, wie ich bei meinem sterbenden Mann auf dem Bett saß, mit der linken Hand seine Hand umfasste und rechts unseren Sohn hielt, um ihn zu stillen. Leben und Tod – ein ständiger Kreislauf und so nah beieinander.  

Die Gleichzeitigkeit des Lebens

In den nächsten Tagen und Wochen befand ich mich wie in zwei parallelen Welten. Feiertagsfamilienleben mit Freude und Trubel im Außen, Stille, Ungläubigkeit und körperlichen wie seelischen Schmerzen im Innen. Wollte ich darüber sprechen, hatte ich meinen Partner und liebe Freundinnen an meiner Seite. Doch immer wollte beziehungsweise brauchte ich das gar nicht. Es rührte mich jedoch sehr zu sehen, wie sich mein Freund um mich und mein Wohl sorgte. Was ich allerdings auch feststellte, war, wie sich unsere Gefühle in Bezug auf das abgetriebene Baby unterschieden. Wie sollte er auch wissen, wie es sich anfühlt, wenn im eigenen Körper neues Leben entsteht? Und wie, wenn es nicht mehr so ist?

Ich bin dankbar, dass wir jederzeit offen über unsere Gedanken und Gefühle sprechen konnten. Dass alles sein durfte, was sich zeigen wollte. Ohne den anderen dafür zu werten, sondern da zu sein und zuzuhören. Ja, die Traurigkeit durfte genauso da sein, wie die Zweifel, wie die Frage nach dem „Was wäre gewesen, wenn?“ und wie das Gefühl, dass wir unsere Entscheidung nicht bereuten. Ich stellte wieder einmal fest, dass es im Leben kein „entweder, oder“ braucht, sondern die unterschiedlichsten Anteile in uns zeitgleich nebeneinander existieren können.

Hinein ins zweite Leben

Ziemlich deutlich zeigte sich das dreieinhalb Monate später, als ich feststellte, dass ich erneut schwanger war. (Die von uns gewählte Verhütungsmethode und ihr Versagen sei an dieser Stelle nicht Inhalt meines Textes.) Unwirklich war es auch dieses Mal. Wieder spürte ich Angst. Wusste jedoch, dass ich keine weitere Abtreibung machen lassen würde. Und zwischen all dem Gefühlschaos waren da plötzlich auch Gefühle von Freude und Glück. Plötzlich konnte ich mir vorstellen, mit meinem neuen Mann und meinem Sohn an meiner Seite einen Schritt weiterzugehen. Noch einen weiteren Schritt hinein in mein zweites Leben zu wagen. In unser neues Leben. Das fühlte sich sehr schön und sehr mutig an. Insbesondere, da mein Partner das ebenso fühlte wie ich.

Neun Monate später – fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Schwangerschaftsabbruch – machte sich unsere Tochter auf den Weg in unser Leben. Sie würde in einem Geburtshaus auf die Welt kommen, mit der Unterstützung von zwei wundervollen Hebammen. Die brauchte ich auch, denn der Gedanke an die Geburt bereitete mir Angst. Unsere Tochter hingegen schien keinerlei Ängste zu haben und drängte kraftvoll hinaus. So richtig kam die Geburt aber nicht in Fahrt. Irgendwann redete die Hebamme ein „ernstes Wörtchen“ mit mir und forderte mich empathisch aber bestimmt auf, meine Ängste herauszulassen und all meinen Gefühlen Raum zu geben. Denn scheinbar war ich es, die die Geburt seelisch und emotional blockierte.

Meine Trauer gehört zu mir

Daraufhin folgte ein unglaublicher Ausbruch von Tränen, Schmerz, Wut und Schreien. Mich überrollte die Trauer um meinen Mann und das Leben, was wir nicht mehr hatten leben dürfen, die Angst vorm Loslassen, das Schuldgefühl, meine Vergangenheit zu verraten, die Angst vor der Zukunft und die Trauer um unser Baby, was nicht hatte leben dürfen. Das forderte mir wirklich alles ab. Es tat weh, war kräftezehrend, und doch tat es gut und fühlte sich heilsam an. Danach dauerte es nicht mehr lang und ich hielt unsere kleine lebenshungrige Tochter in den Armen.

War ich nun endlich fertig mit Trauern? Hatte ich alles überstanden? So einfach ist es leider nicht. Trauer verschwindet nicht plötzlich. Ich darf Wege finden, sie in mein Leben zu integrieren. Immer wieder aufs Neue. Sie gehört für immer zu mir. Und wenn ich nicht hinschaue, kommuniziert das Leben unnachgiebig mit mir, bis ich trauermutig hinschaue. Zugegebenermaßen bin ich darin schon ziemlich gut. Was allerdings den Schwangerschaftsabbruch angeht, gibt es noch so einige blinde Flecken. Doch wie immer und überall braucht es einen ersten entschiedenen Schritt. Und den habe ich heute gemacht. 

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16 Kommentare zu „Von meinem Abbruch und dem Mut zum Aufbruch“

  1. Du liebe Mutige,

    vielen Dank fürs Teilen. Das hast du großartig geschrieben.
    Jeder darf, wie du es geschrieben hast, seine eigene Meinung zum Thema haben. Umso wichtiger ist es aber, wertfrei über Tod und Trauer, egal aus welchem Anlass zu sprechen.
    Und die Trauer/Traurigkeit aus der Tabuzone holen.
    Danke, dass du den Weg dazu ebnest.
    Herzliche Grüße
    Katrin

    1. Anja Plechinger

      Liebe Katrin,
      ich danke dir sehr für deine lieben, wertschätzenden Worte. Es freut mich sehr, dass dir mein Text gefällt. Und den Weg dafür zu ebnen, Trauer und Traurigkeit aus der Tabuzone zu holen, ja, das liegt mir am Herzen.
      Herzlich, Anja

  2. Liebe Anja.
    Danke für Deine Worte, Dein Dich-Zeigen, Deinen Mut.
    Ich mag den Text sehr und glaube, dass er Lesenden sehr wohltuend sein kann.
    Alles Liebe für Dich
    Betty

  3. Andrea Driesch

    Liebe Anja,

    ich sitze hier und versuche Worte zu finden, um dir zu sagen, wie GROSS, wie MUTIG und wie AUTHENTISCH dein Text auf mich wirken!
    Herzensdank an dich für’s Teilen, und alles Liebe zu dir!

    Andrea

  4. Ich bewundere Dich für Deinen Mut das Thema öffentlich zu machen. Es ist schade, dass wir es geschafft haben zu gendern, aber ein Thema wie Schwangerschaftsabbruch noch immer nur hinter vorgehaltener Hand zur Sprache kommt.
    Du bist so ein wertvoller Mensch, liebe Anja. Ich wünschte noch viel mehr Frauen und auch Männer würden viel offener über dieses Thema sprechen.

    1. Anja Plechinger

      Hab ganz lieben Dank für deine Worte, liebe Manuela. Ja, das ist auch mein Wunsch und ich hoffe, dass sich diesbezüglich ein anderer Umgang entwickeln wird.
      Liebe Grüße, Anja

  5. Liebe Anja,
    Hut ab vor soviel Mut! Welch ein Gefühlschaos mußt Du durchlebt haben! Und wie schön, daß sich jetzt alles so positiv für Dich/Euch ergeben hat!
    Ich wünsche Dir und Deiner Familie ganz viel Sonnenschein, verbunden mit der Traurigkeit, die dazugehört und immer wieder den Himmel mal dunkel macht.
    Aber ohne die Dunkelheit können wir ja auch die Helligkeit nicht wirklich wahrnehmen!

    1. Anja Plechinger

      Liebe Anne,
      danke dir sehr für deine Zeilen und dein Mitgefühl. Du hast absolut recht, wo Licht ist, wird immer auch Schatten sein. Die Dualität unseres Lebens… Ich sende dir liebe Grüße, Anja

  6. Liebe Anja. Danke für deine wertvollen und mutigen Worte. Du bist nicht alleine mit dieser Erfahrung. Du bist Teil eines großen WIR. Und ich bin froh das WIR hier leben und frei entscheiden können, offwn darüber reden können denn es ist UNSERE Entscheidung. Wie schön das es Menschen wie dich gibt…

    1. Anja Plechinger

      Oh Maria, das schreibst du schön. Ja, ich bin Teil eines großen WIR und das ist so wertvoll zu wissen. Wir sind nicht allein! Danke dir!

  7. Liebe Anja, ich danke dir fürs Teilen dieser berührenden und bewegenden Worte. Danke für deinen Mut, deine Tiefe und Ehrlichkeit, die immer wieder aus deinen Zeilen klingt. Es ist so unglaublich, was du durchgemacht haben musst… Und das Schicksal wollte einfach nochmal, dass du Mutter wirst. Wie schön, dass du auch über die Geburt und die dazu gehörigen Gefühle geschrieben hast. Es zeigt wieder, wie nah Freude und Trauer, Leben und Tod zusammenhängen, ein Kreislauf, der immer wieder von vorn beginnt. Ich wünsche dir und deiner Familie von Herzen alles Glück dieser Welt. Mögen die Kinder von deinem Mut lernen und auch ihre Wahrheit in die Welt tragen. Sie braucht es so dringend, bei all so vielen Lügen und Verheimlichungen. Danke

    1. Anja Plechinger

      Liebe Karina,
      ich freue mich gerade sehr, von dir zu lesen. Dankeschön von Herzen für deine Gedanken und dein Mitgefühl! Das glaube ich allerdings auch, dass das Leben wollte, dass ich nochmal Mutter werde und dass da eine kleine Seele zu uns als Eltern wollte. Mut wünsche ich uns allen auch immer wieder!
      Herzliche Grüße
      Anja

  8. Liebe Anja,
    wie berührend und schön , dein Text!
    Leben und Tod – so nah beieinander! Und mit die intensivsten Erlebnisse in unserem Leben. Für mich hört es sich „im Kern“ gesund an, wie ihr gemeinsam mit der Situation umgegangen seid, wertschätzend und kerngesund eben.
    Danke dir dafür und liebe Grüße
    Renate

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